Renommierte Fotografen zeigen in Mayschoß Bilder von der Flut

MAYSCHOẞ. (kan.) Wer erinnert sich als Bewohner des Ahrtals nicht an den Geruch von Mitte Juli 2021? An die Mischung aus Moder, Fäkalien und Heizöl? Und wer am vergangenen Freitagabend bei der Ausstellung „Das Tal“ in der Pfarrkirche in Mayschoß war, dem stieg diese „besondere Melange“ quasi wieder in die Nase. Ein junges Ehepaar, das damals als Fluthelfer im Ort anpackte, sagte genau das beim Gang durch die Ausstellung.
Wo Hilfsgüter lagen, hängt jetzt das kollektive Gedächtnis
Die Kulisse für diese Ausstellung könnte nicht symbolträchtiger sein. Vor fünf Jahren stapelten sich in den Kirchenbänken von St. Nikolaus & St. Rochus keine Gesangbücher, sondern Hilfsgüter. Draußen regierte das Chaos aus Schlamm und Schutt, drinnen suchten Menschen Schutz und Orientierung. Das Dorf war tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Die Kirche St. Nikolaus und St. Rochus wurde zum Rettungsanker.
Heute, fast fünf Jahre später: Die Bilder jener Tage kehren zurück in die Kirche. Rund 50 Besucher kamen zur Vernissage und waren tief beeindruckt.
Vier Fotografen, vier ungeschönte Blickwinkel
Vier international renommierte Bildjournalisten, die sonst für Magazine wie den Stern, Der Spiegel, GEO oder die New York Times die Welt erklären, zeigen der Kirche in Mayschoß ihre Arbeiten. Sie dokumentieren das Unfassbare, stellen aber den Menschen – Betroffene wie Helfer – in den Mittelpunkt. Ihre Perspektiven könnten dabei kaum unterschiedlicher sein: Gordon Welters: Fotografierte nah, direkt und im klassischen Stil des ehrlichen Journalismus. Er konnte zur Eröffnung aus privaten Gründen leider nicht selbst anwesend sein. Theodor Barth & David Klammer: Näherten sich dem Tal aus einer rein dokumentarischen, beobachtenden Perspektive. Frank Schultze: Wählte einen konzeptionellen Ansatz. Über clevere Bild-im-Bild-Kompositionen stellt er das Vorher und Nachher radikal gegenüber.

Laudator Frank Gerstenberg, FOCUS online Earth zitierte den Urvater des modernen Fotojournalismus, Henri Cartier-Bresson: „Ein gutes Foto ist ein Foto, das man sich länger als eine Sekunde anschaut.“ Nimmt man diesen Maßstab, bietet die Ausstellung in Mayschoß eine Ansammlung von „guten Fotos“. Die Besucher standen nicht sekunden-, sondern minutenlang vor den Bildern.
Doch die Ausstellung ist mehr als Kunst: Sie ist ein Ventil. Die Bilder dienten den Menschen bei der Vernissage als „Werkzeug“, um miteinander ins Gespräch zu kommen und so Erlebtes erneut zu verarbeiten. Die Besucherin Marion Kunz fasste zusammen: Sie wolle sich die Bilder von damals wieder vergegenwärtigen, aber vor allem mit den Menschen ins Gespräch kommen. Für sie ist das Projekt schlicht „sehr, sehr gelungen“.
Ausstellung kompakt:
- Titel: Das Tal
- Ort: Pfarrkirche St. Nikolaus & St. Rochus, Dorfstraße 82, 53508 Mayschoß
- Dauer: Bis zum 2. August 2026
- Öffnungszeiten: Täglich von 9 bis 18 Uhr

Kommentar
Ein Ventil für unsere Seele
Fünf Jahre ist es her. Fünf Jahre, seitdem das Flüsschen Ahr zu einem Monster wurde. Es wurde aufgeräumt, geschuftet und wieder aufgebaut. Doch wer ehrlich zu sich selbst ist, der weiß: In den Köpfen und Herzen ist die Flut noch immer nicht ganz abgeflossen. Die Erinnerungen sitzen tief, oft vergraben unter dem Alltagsstress des Weitermachens.
Genau deshalb ist das, was sich am Freitagabend in der Mayschoßer Pfarrkirche St. Nikolaus & St. Rochus ereignet hat, so wertvoll. Die Rückkehr der Bilder an den Ort, der damals für Mayschosser, Freiwillige Helfer und Einsatzkräfte als Rettungsanker diente, ist kein Voyeurismus. Es ist ein Segen.
Es ist sicherlich nicht falsch, diese Ausstellung als eine Art Ventil zu begreifen, um sich die aufgestauten und immer noch präsenten Erlebnisse von damals im Gespräch von der Seele zu reden. Es braucht diese Räume und diese Anstöße.
Bereits bei der Vernissage zeigte sich: Die Bilder sind nicht nur Kunstwerke, sondern echte „Mittel“ zum „ins Gespräch kommen“ und zum Verarbeiten der damaligen Erlebnisse. Da standen Besucher der Vernissage beieinander, blickten auf die Fotografien und fingen an zu erzählen.
Allein deshalb gebührt den Machern der Ausstellung und den vier Fotografen allergrößtes Lob. Sie haben nicht nur „unsere“ Geschichte in Bildern zurückgebracht. Sie haben uns einen Raum geschenkt, um gemeinsam durchzuatmen und zu verarbeiten.
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