Sechs Jahre ohne eigenen Platz: In Dernau wird die Zeit knapp
Dernau. Tasche packen, ins Auto steigen, zum Training fahren. Für Fußballer ist das Alltag. Für die Spieler des SV Blau-Gelb Dernau hat dieser Weg allerdings seit Jahren eine Besonderheit: Er führt nicht zum eigenen Sportplatz. Mal muss organisiert werden, wer wohin kommt. Mal ändern sich Trainingszeiten. Und wenn der Verein, bei dem die Dernauer zu Gast sind, seinen Platz selbst benötigt, müssen sie zurückstecken. So beschreibt Fußball-Abteilungsleiter Paul Gemein einen Alltag, der längst zum Dauerzustand geworden ist. Die Fußballer gehen inzwischen in die sechste Saison ohne eigenen Platz. Dabei könnte der Eindruck entstehen, in Dernau sei sportlich bereits wieder vieles beim Alten. Jüngst wurde die neue Freizeitanlage „vor Müllert“ eröffnet. Die Tennisabteilung des SV Blau-Gelb Dernau kann dort sogar ihre Meisterschaftsspiele austragen. Doch für die Abteilungen Fußball und Leichtathletik löst die neue Freizeitanlage das entscheidende Problem nicht. Die übrigen dortigen Flächen sind nicht für Wettkämpfe ausgelegt. Diese Abteilungen warten weiterhin auf die geplante Sportanlage oberhalb von Dernau. Eine eigene sportliche Heimat fehlt ihnen noch immer. Und inzwischen zeigt sich, was sechs Jahre Improvisation mit einem Verein machen können.
Zweite Mannschaft bereits aufgelöst
Die jahrelange Platznot hat sportliche Folgen. Spieler haben den Verein verlassen. Besonders schwer wiegt: Die zweite Seniorenmannschaft musste nach Angaben von Fußball-Abteilungsleiter Paul Gemein wegen Personalmangels aufgelöst werden. Auch aus der ersten Mannschaft gingen im vergangenen Sommer Spieler. Neue Fußballer nach Dernau zu holen, ist unter diesen Bedingungen schwierig. Kameradschaft, Stimmung und Vereinsleben stimmen, sagt Gemein. Was fehlt, sind die sportlichen Argumente: ein eigener Platz, verlässliche Trainingsbedingungen, eine eigene Heimstätte. Und das Problem beginnt nicht erst bei den Senioren. Jüngere Nachwuchsspieler können noch den kleinen Käfig in Dernau nutzen. Doch spätestens mit 15, 16 oder 17 Jahren brauchen sie einen großen Platz. Trainieren Jugendliche dauerhaft andernorts, entstehen dort Freundschaften und sportliche Bindungen. Für andere Vereine werde es dadurch leichter, Spieler später auch für deren Seniorenmannschaften zu gewinnen, schildert Gemein.
„Keine sportliche Heimat“
Auch Geschäftsführer Jens Fahrenbruch warnt davor, die Eröffnung der Freizeitanlage mit einer Rückkehr des gesamten Vereinssports zu verwechseln. Die Tennisabteilung könne dort ihren Vereinssport betreiben. Für andere Abteilungen gelte das nicht. Fußballer ziehen weiterhin von Platz zu Platz. Die Leichtathleten sind ebenfalls auf auswärtige Möglichkeiten angewiesen und haben nach Fahrenbruchs Angaben ein gutes Standing in Meckenheim. Von einem Kampf ums Überleben will Fahrenbruch ausdrücklich nicht sprechen. Er wählt dennoch ein drastisches Bild: Im übertragenen Sinne betreibe der Verein derzeit „lebenserhaltende Maßnahmen“.Das Kernproblem bringt er auf einen kurzen Satz: Es fehle eine „sportliche Heimat“. Auch andere Übergangslösungen können eine richtige Sportanlage nicht ersetzen. Eine kleine Halle in Marienthal misst laut Fahrenbruch 15 mal 15 Meter. Dort seien allgemeine athletische Übungen möglich. Für Vereinssport in der Breite oder leistungsorientiertes Training reiche sie jedoch nicht.
Ein kleiner Kern hält den Fußball am Leben
Dass in Dernau trotzdem noch Fußball gespielt wird, führt Paul Gemein vor allem auf das Engagement weniger Menschen zurück. Rund zehn Personen seien seit der Flut praktisch von Beginn an dabei und hielten die Abteilung am Laufen. Gemein ist überzeugt: Ohne diesen Kern hätte der Verein die vergangenen Jahre kaum überstanden. Das Engagement dieser Menschen könne man nicht hoch genug anerkennen. Doch Ehrenamt kann fehlende Infrastruktur nicht dauerhaft ersetzen.
Die Hoffnung liegt oberhalb von Dernau
Deshalb richtet sich der Blick jetzt auf die geplante neue Sportanlage oberhalb des Ortes. Und Fahrenbruch legt Wert auf den Begriff Sportanlage: Geplant sei nicht lediglich ein Fußballplatz, sondern eine Anlage, die unterschiedliche sportliche Nutzungen ermöglichen soll. Wenn alles planmäßig laufe, hält Fahrenbruch Sport auf der neuen Anlage gegen Ende des kommenden Jahres für möglich. Zugleich warnt er vor zu großen Erwartungen: Bei Bauprojekten könnten Verzögerungen auftreten, die heute noch nicht absehbar seien. Auch Gemein setzt große Hoffnung auf das kommende Jahr. Er hofft, dass im Sommer 2027 zumindest ein Fußballplatz mit provisorischen Umkleidemöglichkeiten zur Verfügung stehen könnte. Dann hätte die Abteilung nach Jahren wieder etwas, das für andere Vereine selbstverständlich ist: einen eigenen Platz, eine eigene Kabine – und endlich wieder echte Heimspiele. Bis zur kompletten Sportanlage dürfte es allerdings länger dauern. Sportlerheim, Lagermöglichkeiten und weitere Infrastruktur sollen nach Fahrenbruchs Angaben erst in einem zweiten Schritt folgen. Wann alles fertig sein wird, ist offen.
Für die Fußballer zählt deshalb zunächst jeder Monat. Denn Gemein verbindet seine Hoffnung mit einer deutlichen Warnung: Sollte auch im kommenden Jahr kein eigener Platz zur Verfügung stehen, „wird es eng um die Abteilung Fußball“.
