Das bekannte Gasthaus „Zur gemütlichen Ecke“ feiert Jubiläum

Adenau.

Manche Wirte übernehmen ein Lokal, andere übernehmen ein ganzes Dorf. Als der „Achter Mattes“ (Matthias Nett) im Jahr 1926 nach Adenau zog, um seine „Annkätte Lis“ (Elisabeth) zu heiraten, begründete er eine Institution. Er eröffnete nicht nur das Gasthaus „Zur gemütlichen Ecke“ – er übernahm im Volksmund direkt den Hausnamen seiner Frau. „Mir john zo Annekätte“ wurde in Adenau prompt zum geflügelten Wort für Geselligkeit. Heute, genau ein Jahrhundert später, feiert das Traditionshaus sein 100-jähriges Bestehen. Eine Zeitreise durch vier Generationen, die zeigt, dass Beständigkeit im Kreis Ahrweiler kein Zufall ist, sondern harte Arbeit.
Ein Hufeisen an der Theke und ein Ständchen vom Stadtorchester

Wer die Chroniken der Familie Nett durchblättert, stößt auf Geschichten, die man heute kaum noch glauben mag. Legendär ist eine Begebenheit aus den 1960er-Jahren. Der Sankt-Martins-Umzug zog – wie noch heute – am Gasthaus vorbei. Doch der berittene Heilige war offenbar so durstig, dass er nicht abstieg: Er ritt mit seinem Pferd kurzerhand bis direkt an die Theke, um sein wohlverdientes Bier zu trinken.Es blieb nicht die einzige Symbiose aus Brauchtum und Wirtshaus. Weil die spätere Chefin Irmtraut Nett Anfang November Geburtstag hatte, stoppte das Stadtorchester Adenau in jüngerer Vergangenheit gerne mal mitten im Martinszug, um der Wirtin vor dem Fenster ein lautstarkes „Happy Birthday“ zu schmettern.
Zwischen Nürburgring-Mythos und Hegerings-Trophäen
Die Geschichte der „Gemütlichen Ecke“ ist untrennbar mit dem Aufstieg des Nürburgrings verbunden. Seit der Eröffnung der Rennstrecke im Jahr 1927 hängt ein farbiges Originalplakat im Restaurant. Auf einem historischen Gruppenfoto aus dieser Gründungsphase ist Dr. Otto Creutz zu sehen, der Planer des Rings – direkt daneben: Gründer Matthias Nett. Wenn die Motoren drüben in der Hocheifel dröhnten, platzte das Lokal aus allen Nähten. Sohn Heinz Nett musste in den wilden Nürburgring-Jahrzehnten zeitweise als Türsteher aushelfen. Seine Aufgabe war von mathematischer Präzision geprägt: Es durften erst wieder hungrige Gäste hinein, wenn die satten das Feld geräumt hatten. Doch nicht nur Rennsportbegeisterte prägten das Haus. Neben dem Hegeringsverein, der bis heute seine Trophäenschauen hier abhält, schätzten auch die lokalen Jäger das Lokal. Nach den Treibjagden kehrten sie traditionell ein, um den Jagdtag gemeinsam ausklingen zu lassen – eine Leidenschaft, die Gründer Matthias mit seinem Sohn Josef teilte.
Die vierte Generation steht schon bereit

Der Wandel der Zeit lässt sich auch an der Architektur ablesen. Zum 75. Geburtstag von Matthias Nett vermeldete die Lokalpresse den Ausbau zu einer modernen Gasthaus-Pension mit zehn Fremdenbetten und einem Gesellschaftssaal für bis zu 120 Personen. Der Saal wurde zum Epizentrum des Adenauer Vereinslebens: Der Junggesellenverein Buttermarkt, das Tambourkorps und der Männergesangverein gingen dort ein und aus. Was das Haus über ein Jahrhundert rettete, war der fließende Übergang der Generationen. Auf die Gründer folgten Ernst und Irmtraut Nett. Als Ernst Mitte der 1980er-Jahre verstarb, wurde seine Cousine Elfriede „Friedel“ Beckers zur tragenden Säule an der Seite von Irmtraut. Ende der 1990er übernahm Sohn Jörg, ebenfalls gelernter Koch, mit seiner Frau Jagoda die Regie. Heute ist die Zukunft bereits gesichert: Seit drei Jahren arbeitet Sohn Matthias in vierter Generation fest im elterlichen Betrieb mit, tatkräftig unterstützt von seiner Verlobten Katarina. Und auch eine andere Konstante bleibt: Seit den Anfangsjahren bezieht das Haus seinen Wein von der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr. Ein echtes Stück Ahr-Weinkultur, das die Zeiten überdauert hat.
