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100 Tage an der Spitze

Heike Holzapfel spricht über die wirtschaftliche Lage der Winzergenossenschaft. Warum sie von einer erreichten Schmerzgrenze spricht und welche Ziele sie bis 2029/2030 verfolgt, erklärt sie im Wortlaut-Interview mit ahr.de.
Seit etwa 100 Tagen führt Heike Holzapfel die DAGERNOVA Weinmanufaktur. Mit ahr.de spricht die Vorstandsvorsitzende über die wirtschaftliche Lage, den Kurswechsel und die Sorgen der Winzer. Dabei fällt ein bemerkenswerter Satz: „Ich befürchte, die Schmerzgrenze ist bereits erreicht.“

Heike Holzapfel über den neuen Kurs der DAGERNOVA

Heike Holzapfel führt seit etwa 100 Tagen die DAGERNOVA.
Heike Holzapfel führt seit etwa 100 Tagen die DAGERNOVA.

Bad Neuenahr. Seit rund 100 Tagen steht Heike Holzapfel an der Spitze der DAGERNOVA Weinmanufaktur. Die neue Vorstandsvorsitzende hat die wirtschaftliche Verantwortung in einer Zeit übernommen, in der sich die Weinwirtschaft mit einem veränderten Konsumverhalten und einer zurückhaltenden Nachfrage auseinandersetzen muss.

Was hat Holzapfel in ihren ersten Monaten vorgefunden? Wie beurteilt sie die wirtschaftliche Situation der Genossenschaft? Was soll sich ändern? Und wie reagieren Mitarbeiter und Mitgliedswinzer auf den neuen Kurs?

ahr.de hat Heike Holzapfel dazu einen Fragenkatalog vorgelegt. Die Fragen wurden schriftlich gestellt und von ihr schriftlich beantwortet. Das Interview wird im Wortlaut veröffentlicht. Die Antworten wurden inhaltlich nicht verändert.

„Plötzlich war ich Ansprechpartner für alle Fragen“

ahr.de:  Heike, Du bist seit rund 100 Tagen an der Spitze der DAGERNOVA. Was hat Dich in diesen 100 Tagen am meisten überrascht?

Heike Holzapfel: Plötzlich war ich Ansprechpartner für alle Fragen der Kolleginnen und Kollegen. Ich kam aus der Buchhaltung und der Verwaltung und musste mich nun auch um Marketing, Kommunikation und die anstehende Ernte 2026 kümmern.

ahr.de:  Was war die dringendste Aufgabe, die Du nach Deinem Amtsantritt angehen musstest?

Heike Holzapfel: Mir einen Überblick verschaffen, was an Verträgen bestand, einzuhalten war, gekündigt werden konnte – ganz einfach die Prioritäten herausfinden und sortieren: wichtig, dringend, kann warten.

ahr.de:  Was hast Du in diesen ersten Monaten vorgefunden: einen Betrieb, der vor allem neu sortiert werden musste – oder einen Betrieb, der grundlegend verändert werden muss?

Heike Holzapfel: Glücklicherweise ist mir der Betrieb sehr gut bekannt, die Mitarbeiter sind ebenfalls schon lange dabei und wir waren schnell einer Meinung: lasst uns Wein verkaufen, Ideen umsetzen, die Ärmel umkrempeln und loslegen…..

„Die Situation ist zur Zeit stabil“

ahr.de:  Wie würdest Du die wirtschaftliche Situation der DAGERNOVA heute beschreiben – stabil, angespannt oder ernst?

Heike Holzapfel: Die Situation ist zur Zeit stabil, die Kaufzurückhaltung bei Rotwein und alkoholischen Getränken im allgemeinen macht der gesamten Weinwirtschaft Sorgen.

ahr.de:  Wo liegen derzeit die größten wirtschaftlichen Probleme: beim Absatz, bei den Kosten, bei den vorhandenen Weinbeständen, bei den Strukturen – oder an anderer Stelle?

Heike Holzapfel: Wir haben wunderbaren Rotwein im Keller liegen, den wir in den kühleren Monaten anbieten werden, denn, was gibt es gemütlicheres als ein gutes Buch, ein Glas Wein bei Kerzenschein? Oder ein gemeinsames Essen mit guten Freunden, anregenden Gesprächen bei einem Glas Rotwein?

ahr.de:  Wann soll die DAGERNOVA wirtschaftlich wieder dort stehen, wo Du sie haben willst? Gibt es dafür ein konkretes Zieljahr?

Heike Holzapfel: Wir möchten das Jahresergebnis beständig verbessern, wenn die äußeren Umstände es zulassen, wäre mein Zieljahr 2029/2030.

„Unsere Winzer fühlten sich nicht mehr ausreichend vertreten“

ahr.de:  Der Aufsichtsrat wollte ausdrücklich eine „andere Ausrichtung“. Was ist bisher unter Deiner Führung anders geworden als zuvor?

Heike Holzapfel:  Die Mannschaft besteht aus regionalen Mitarbeitern, aus Winzern, Weinbautechnikern, weinaffinen Personen, an der Ahr aufgewachsen, mit großer Liebe zu den Trauben und der Kulturlandschaft. Unser Fokus liegt auf eigenen Produkten. Wir bieten viele Verkostungsmöglichkeiten und Events an.

ahr.de:  Warum war dieser Kurswechsel aus Deiner Sicht notwendig?

Heike Holzapfel:  Unsere Winzer fühlten sich von der Genossenschaft nicht mehr ausreichend vertreten und gewürdigt. Sie leisten das ganze Jahr sehr gute Arbeit und hegen und pflegen die Trauben bis zur Ernte. Die Genossenschaft produziert herrliche Tropfen, die gilt es zu vermarkten.

ahr.de:  Hat der Aufsichtsrat Dir bei Deiner Berufung einen konkreten Auftrag mitgegeben?

Heike Holzapfel:  Ich sehe meine Aufgabe darin, meine ganze Energie in dieses Unternehmen zu stecken, die Winzer und die Mitarbeiter zu motivieren und wieder selbstbewusst hinter der Genossenschaft zu stehen und mit Stolz auf die Ergebnisse zu schauen. Das ist keine „one-woman-show“, wir sind eine Familie!

„Rotweine haben wir noch im Bestand“

ahr.de:  Ist „Klasse statt Masse“ auch eine wirtschaftliche Strategie – also weniger Menge, höhere Qualität und höhere Wertschöpfung?

Heike Holzapfel:  Das war immer unsere Strategie, wir müssen uns jedoch nach dem Bedarf am Markt orientieren. Zur Zeit sind kühle, frische Weine bevorzugt. Daher liegt unser Fokus bei der Ernte 2026 darauf, Blanc de Noir und Roséweine zu produzieren, die kühl getrunken werden. Rotweine haben wir noch im Bestand.

ahr.de:  Welche Kundschaft muss DAGERNOVA stärker erreichen, wenn die klassische Weinkundschaft älter wird?

Heike Holzapfel:  Die Zielgruppe sind Jung und Alt, wir haben Angebote für jeden Geschmack und Geldbeutel. Ich genieße ein gutes Glas Wein immer mit einem Glas Wasser. Das ist mir persönlich stets gut bekommen. Das Verständnis von moderatem Konsum versuchen wir in den Verkostungen zu vermitteln.

ahr.de:  Wie gewinnt man Menschen zwischen 25 und 40 für Ahrwein, ohne ihnen einfach nur das klassische Weinangebot in moderner Verpackung anzubieten?

Heike Holzapfel:  Die Rundgänge in den Weinbergen zur Frühjahrs- und Herbstzeit haben auch sehr viele junge Menschen zum Wandern und Genießen in unser Weinanbaugebiet gebracht. Dabei gibt es viele Möglichkeiten die Weine aller Weingüter der Ahr kennenzulernen.

„Die Schmerzgrenze ist bereits erreicht“

ahr.de:  Wie sind Dir die Mitgliedswinzer nach Deiner Berufung begegnet – mit Vertrauen, Erwartungen oder auch Skepsis?

Heike Holzapfel:  Mit Skepsis wurde ich direkt nicht konfrontiert, viele haben mir ihr Vertrauen ausgesprochen, viel Erfolg und allzeit ein glückliches Händchen gewünscht.

ahr.de:  Was hörst Du derzeit am häufigsten von den Genossenschafts-Winzern?

Heike Holzapfel:  Die Winzer benötigen ein angemessenes Traubengeld um den Spaß an der Arbeit nicht zu verlieren. Außerdem fehlt es an Nachwuchs, da die Weinbergsarbeit nicht mehr so attraktiv erscheint. Früher hat man sich damit einen kleinen Nebenerwerb geschaffen und konnte sich ein „Extra“ leisten. Davon profitierte die ganze Ahrregion.

ahr.de:  Wie groß ist die Bereitschaft der Mitglieder, einen möglicherweise schmerzhaften Veränderungskurs mitzutragen?

Heike Holzapfel:  Ich befürchte, die Schmerzgrenze ist bereits erreicht. Daher handeln wir jetzt.

„Vertrauen ist auf beiden Seiten vorhanden“

ahr.de:  Wie war die Stimmung im Unternehmen bei Deinem Amtsantritt?

Heike Holzapfel:  Die Mannschaft kennt mich seit Jahren, ich habe Jahrzehnte im Betriebsrat gewirkt und unsere Führungskräfte bei ihrer Arbeit unterstützt. Die Überraschung war zunächst groß aber fand positive Resonanz.

ahr.de:  Musstest Du zunächst Vertrauen zurückgewinnen oder war dieses Vertrauen vorhanden?

Heike Holzapfel:  Wir haben flache Hierarchien, ich packe überall mit an, bin jederzeit ansprechbar und dankbar für das Engagement der Mitarbeiter. Sie leisten alle sehr gute Arbeit und zeigen Initiative. Wir sind mit Freude bei der Arbeit. Vertrauen ist auf beiden Seiten vorhanden.

ahr.de:  Du führst die DAGERNOVA nicht allein: Dirk Wollersheim verantwortet Weinbau und Kellerwirtschaft, Kevin Bertram ist als Kellermeister zurückgekehrt und Christoph Dreßen verantwortet Vertrieb, Marketing und Kommunikation. Wie funktioniert diese neue Führungsmannschaft nach den ersten Monaten?

Heike Holzapfel: Wir sind ein sehr gutes Team, jeder stark in seinem Arbeitsgebiet. Die kommenden Monate werden zeigen, was in uns steckt.

Redaktioneller Hinweis: Die Fragen wurden Heike Holzapfel von ahr.de schriftlich vorgelegt und von ihr schriftlich beantwortet. Die Antworten werden inhaltlich unverändert wiedergegeben. Dadurch ist für die Leser zugleich transparent, dass innerhalb des Interviews keine unmittelbaren journalistischen Nachfragen möglich waren.

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